Kaum eine Woche vergeht, in der nicht der Autobauer Tesla in Grünheide die Politik des Landes mit neuen Schlagzeilen in Atem hält. Tesla steht für den Aufbruch des Landes in ein neues Industriezeitalter. Auf der anderen Seite wird das Ende der Kohleförderung in der Lausitz zur großen Transformationsaufgabe für Brandenburg. Der exklusive W+M-Länderreport erscheint als Serie in drei Teilen. Von Matthias Salm.

04.04.2023 Teil 1: Tesla, Neues Zentrum der Batterieindustrie, Unsichere Zukunft in der Automobilindustrie, Luftfahrtbranche als Exportschlager

11.04.2023 Teil 2: Wichtiger Standort der Bahnindustrie, Wachstum stößt auf Flächenmangel, Ende der Kohleförderung in der Lausitz

18.04.2023 Teil 3: Chemieindustrie vor großen Herausforderungen, Industrie will klimaneutral werden, Filmstandort Babelsberg international begehrt

Hier beginnt Teil 1/3

Die Tesla-Gigafactory in Grünheide wächst rasant, aber nicht geräuschlos. Jüngst hatte Ministerpräsident Dietmar Woidke in einem Brief an Tesla-Chef Elon Musk eigens Unterstützung für den geplanten Ausbau des Werks zugesagt. Denn bei der Versorgung mit Wasser und Strom im Osten Brandenburgs gerät der Autobauer zunehmend an seine Grenzen. Im Februar verkündete Tesla darüber hinaus, dass die Pläne, komplette Batterien am Standort Grünheide zu produzieren, aufgegeben wurden, weil einige Produktionsschritte aus steuerlichen Gründen in die USA verlagert werden. Dennoch ist Tesla in kürzester Zeit mit 10.000 Beschäftigten zum größten industriellen Arbeitgeber Brandenburgs aufgestiegen.

Neues Zentrum der Batterieindustrie

Doch auch ohne die vollständige Batteriefertigung von Tesla sieht sich das Land als künftiges Zentrum der Batterieindustrie in Deutschland. Bereits rund 9.300 Arbeitsplätze in 33 Unternehmen, so eine Studie im Auftrag der Wirtschaftsförderung Brandenburg, hat der Industriezweig geschaffen. Weitere rund 3.500 sollen bald in der Mark entstehen. Neun Forschungseinrichtungen im Land widmen sich ebenfalls dem Thema.

Batterieforschung. Foto: AdobeStock

Brandenburg möchte die gesamte Produktionsstrecke vom Aktivmaterial über die Zellfertigung bis hin zu kompletten Batteriepacks sowie das Batterierecycling im eigenen Land ansiedeln. Auch Zulieferer für die Ausrüstung der Fabriken, Einrichtungen für Batterietests sowie Logistikbetriebe gehören zum Wunsch-Portfolio der Potsdamer Landesregierung. Die Liste der bereits im Land aktiven Unternehmen reicht von der Lithiumverarbeitung bei RockTech in Guben über die Herstellung von Kathodenmaterial bei BASF in Schwarzheide bis hin zur Batteriemodulfertigung von Microvast in Ludwigsfelde. Darüber hinaus plant SVolt in Lauchhammer eine Zellfabrik.

In Brandenburg tätige Ausrüster sind etwa die Diehl Group in Zehdenick mit ihren Zellkontaktiersystemen oder die speziellen Klebeverbindungen für Batteriepacks, die über 140 Mitarbeiter bei Gustav Scharnau in Werneuchen produzieren. DIEHL ADVANCED MOBILITY hat in Zehdenick zusätzlich zum Kompetenzzentrum für die Entwicklung und Herstellung von Zellkontaktiersystemen für Elektrofahrzeuge nun auch ein modernes Produktionszentrum errichtet. Hier sollen künftig bis zu drei Millionen Zellkontaktiersysteme pro Jahr das Werk verlassen. DEKRA betreibt ein Testcenter für Batterien am Lausitzring in Klettwitz. Mit dem britischen Unternehmen EV Cargo ist auch ein auf Batterien spezialisierter Logistiker in Frankfurt (Oder) ansässig.

Prof. Dr. Jörg Steinbach. Foto: Volker Tanner

„Batterietechnik ist ein Schlüssel für moderne Mobilität und die Energiewende. Brandenburg hat die Chance, hier in der ersten Liga zu spielen“, glaubt deshalb Brandenburgs Wirtschaftsminister Prof. Dr.-Ing. Jörg Steinbach. Die Batterieindustrie hat sich vor allem im Landkreis Teltow-Fläming und in der Lausitz angesiedelt.

Unsichere Zukunft in der Automobilindustrie

Während die Batterieindustrie wächst, stehen die klassische Automotivebetriebe in einem existentiellen Wandel. Rund 200 Unternehmen mit 21.000 Mitarbeitern arbeiten in Berlin und Brandenburg in der Branche. In Brandenburg ragen vor allem Betriebe wie die ZF Getriebe Brandenburg GmbH mit 1.500 Mitarbeitern in der Stadt Brandenburg (Havel) heraus, die Handschaltgetriebe für BMW, Doppelkupplungsgetriebe für Porsche oder Hybrid-Getriebe fertigen. In Ludwigsfelde laufen Mercedes-Transporter vom Band. Beide Werke stehen mit dem absehbaren Aus des Verbrennermotors vor neuen Herausforderungen. Ab dem Frühjahr 2024 soll im Mercedes-Benz-Werk in Ludwigsfelde daher der neue Kleintransporter “eSprinter” produziert werden. Außerdem wollen die Stuttgarter das Werk als Kompetenzcenter für eVan-Individualisierungen etablieren.

Luftfahrtbranche als Exportschlager

Gemeinsam mit dem Nachbarn Berlin zählt Brandenburg auch zu den führenden Standorten der zuletzt kriselnden Luftfahrtbranche in Deutschland. „Brandenburg genießt vor allem in der Turbinentechnologie einen hervorragenden Ruf. Global Player wie Rolls Royce und MTU arbeiten eng mit innovativen Zulieferern und Wissenschaftseinrichtungen in der Region zusammen. In Brandenburg wird die Luftfahrt der Zukunft entwickelt“, ist sich der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Brandenburg, Dr. Steffen Kammradt, sicher. Immerhin entsteht mit dem „Zentrum zur Erforschung hybrid-elektrischer Antriebe“ in Cottbus bereits eine Forschungseinrichtung im Land, die mit der Erforschung emissionsarmer Flugantriebe die Luftfahrt der Zukunft mit bestimmen möchte. Sukzessive sollen die Anwendungsfelder zukünftig auf die Bereiche Automobil, Bahn und Schifffahrt ausgedehnt werden.

In Berlin und Brandenburg beschäftigen die Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie rund 17.000 Menschen. Seit Jahren sind die Produkte der Branche das mit Abstand wichtigste Exporterzeugnis der Brandenburger. Rolls-Royce beispielsweise unterhält in Dahlewitz das Kompetenzzentrum für Zweiwellentriebwerke im Konzern – hier befindet sich die Entwicklung und Endmontage aller BR700- und Pearl-Triebwerke. 2014 wurde in Dahlewitz zudem ein Entwicklungs-Prüfstand für zivile Großtriebwerke eröffnet und seit 2019 arbeitet dort auch das konzerneigene Zentrum für Künstliche Intelligenz. 2021 eröffnete Rolls-Royce ein Entwicklungsbüro in Cottbus.

MTU. Foto: MTU

Die MTU Maintenance Berlin-Brandenburg betreut am Standort Ludwigsfelde das größte Triebswerksportfolio im MTU Maintenance-Netzwerk. Die APUS Group in Strausberg entwickelt Wasserstoff-Flugzeuge, die X2E Aerospace Technologies GmbH in Wildau produziert eingebettete Systeme für Luftfahrtanwendungen im Bereich klimaneutraler und effizienter Antriebskonzepte. Die FTI Engineering Network GmbH, ebenfalls aus Wildau, gilt als Spezialist für videobasierte Sicherheitssysteme in der Luftfahrt.

 

Der Beitrag W+M-Länderreport Brandenburg: Ein Land im Aufbruch und Umbau – Teil 1 erschien zuerst auf Wirtschaft und Markt.