Der chinesische Batterieproduzent CATL beliefert vom Erfurter Kreuz aus europäische Auto-Hersteller mit Batteriezellen und -modulen. Für die Thüringer Wirtschaftspolitik ist das neue Werk ein Fixpunkt, um die Transformation der Automobilindustrie zu meistern. Die Batterieproduktion soll neben den klassischen industriellen Stärken in der Optik, IT und Medizintechnik die wirtschaftliche Zukunft des Freistaats sichern. Von Matthias Salm.

Der Länderreport erscheint als W+M-Serie in drei Teilen:

09.03.2023
Teil 1: Der Freistaat setzt auf Batterie-Power gesamt/ Schwere Zeiten für Automobilzulieferer

16.03.2023
Teil 2: Energiekrise in der Glasindustrie/Luft nach oben bei erneuerbaren Energien/ Logistik-Boom ohne Subventionen

23.03.2023
Teil 3: Optische Industrie mit Weltruf/ IT-Unternehmen auf Kurs/ Medizintechnik made in Thüringen/ Bevölkerung in Thüringen schrumpft

Hier beginnt Teil 1

Der chinesische Batteriehersteller Contemporary Amperex Technology Co. Ltd. (CATL) hat im Industriegebiet Erfurter Kreuz in Arnstadt im Januar offiziell mit der Serienproduktion von Lithium-Ionen-Zellen in Westeuropas größtem Werk für Batteriezellen begonnen. 2.000 Menschen sollen in der neuen Produktionsstätte einmal arbeiten. „CATL stärkt damit den Automobilstandort Thüringen und auch nachhaltig das Erfurter Kreuz als größtes Industriegebiet des Freistaats“, freute sich Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow beim Startschuss ins Batterie-Zeitalter im Freistaat. Mit der Fertigung am Erfurter Kreuz hat sich der chinesische Konzern erstmals außerhalb des Heimatlandes begeben. Auch die dichte und innovative Forschungslandschaft in Thüringen gab für die Ansiedlung einen entscheidenden Ausschlag.

CATL Thüringen. Foto: CATL

Die Vision des Landes heißt nun: Ein „Battery Valley Thüringen“, das von der Forschung bis zur Produktion die gesamte Palette der Batteriefertigung abdeckt. Zu dieser Vision gehört neben der Investition von CATL auch der künftige „Batteriecampus“ am Erfurter Kreuz, die Aktivitäten des Center for Energy and Environmental Chemistry Jena der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Batterie-Innovations- und Technologie-Center (BITC) Arnstadt des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme IKTS.

CATL wirkt auch als Magnet für die Zulieferindustrie. Das Mechatronik-Unternehmen Marquardt Gruppe etwa baut ein neues Werk am Erfurter Kreuz, um 2024 dort Batteriemanagementsysteme für Elektro-Fahrzeuge zu fertigen. Die LION Smart Production GmbH, eine Tochter der Schweizer LION E-Mobility AG,  hat ihre Serienproduktion von Batterie-Packs aus Bayern ins thüringische Hildburghausen verlagert. Auch Zulieferer wie KDL Shenzhen Kedali Industry oder die SK Automation GmbH haben sich im Umfeld bereits niedergelassen.

Die Erfolge bei der Ansiedlung der Batterieproduktion reihen sich ein in das erfolgreiche Gesamtergebnis der thüringischen Standortpolitik im letzen Jahr. Insgesamt 35 Unternehmen haben 614 Millionen Euro in 2022 investiert. Großinvestitionen waren beispielsweise das Premium Hotel The Grand Green Oberhof oder die Expansion von N3 Overhaul Services, einem Joint Venture von Lufthansa Technik und Rolls-Royce zur Instandhaltung und Reparatur von Flugzeugtriebwerken, ebenfalls am Erfurter Kreuz.

Der chinesische Antennen- und Elektronikspezialist Desay SV Automotive hat ein neues Produktions- und Logistikzentrum im Nordwesten von Weimar eröffnet und im Jahr zuvor bereits ein neues Entwicklungszentrum für Prototypenfahrzeuge. Mittlerweile fungiert der Standort als Europa-Zentrale des Konzerns. Die Digitalagentur IBM iX hat sich in Erfurt niedergelassen, um von dort Organisationen und Unternehmen bei der digitalen Transformation zu begleiten und die Papacks Sales GmbH erweitert ihren Standort für Fasergussverpackungen in Arnstadt, um nur einige weitere Investitionsbeispiele zu nennen.

Schwere Zeiten für Automobilzulieferer

Opel Eisenach

Thüringens Automobilsektor trieb lange Zeit als Zugpferd die Industrie zwischen Eichsfeld und Thüringer Wald an und bot zehntausenden Beschäftigten Arbeit. Da allerdings abgesehen vom Opel-Werk in Eisenach kein Produktionsstandort im Land beheimatet ist, konzentrierte sich die Branche von jeher auf mittelständische Zulieferer mit einem Schwerpunkt auf den Produktbereich Antriebe. Die Unternehmens- und Technologiedatenbank der LEG Thüringen zählt etwa 530 Unternehmen, die direkt oder indirekt mit rund 50.000 Beschäftigten im Automobilbereich tätig sind. Die gebotene Transformation des Automobilsektors hin zum Elektroauto, die aktuelle Energiekrise und weltweit gestörte Lieferketten, all dies führte zuletzt zu harten Schlägen in der Branche vor allem in Westthüringen. Denn dort sind nahezu 5.200 Beschäftigte im Produktbereich Antriebe tätig, das sind über 40 Prozent der Gesamtbeschäftigung in der Zulieferindustrie in der Region. Ein ähnlicher Schwerpunkt findet sich auch in Mittelthüringen.

Die Pleitenwelle bei den bundesdeutschen Automobilzulieferern schwappte zuletzt auch über Thüringen hinweg. Während sich für die ETM GmbH in Saalburg-Ebersdorf, einem Hersteller von Bauteilen und Systemen aus Kunststoff, mit der bayerischen Industrieholding Max Valier ein Käufer fand, müssen die Beschäftigten des Spritzgussteileproduzenten Dr. Schneider in Föritztal (Landkreis Sonneberg) um ihre Zukunft bangen. Megatech Industries hat die Fertigung von Tür-Innenverkleidungen am Standort Ebersdorf im Saale-Orla-Kreis hingegen aufgegeben.

Der Hersteller von manuellen Getrieben und Bremsleitungen Valeo konnte sein Werk in Mühlhausen gerade noch vor dem Aus retten. Continental will hingegen in seinem Werk in Waltershausen im Landkreis Gotha Arbeitsplätze abbauen und hat sein Werk in Mühlhausen geschlossen. Und auch beim Scheinwerfer-Hersteller Marelli Automotive Lighting in Brotterode kriselt es. In der Thüringer Automobilindustrie ging der Umsatz nicht zuletzt deshalb 2022 preisbereinigt um 3,1 Prozent zurück. Immerhin ermittelte der Branchenverband Automotive Thüringen, dass rund 70 Prozent der Verbandsmitglieder mittlerweile bereits über Aufträge zur Lieferung von Komponenten für Elektrofahrzeuge verfügt.

So bleibt der Automobilsektor allen Turbulenzen zum Trotz eine bestimmende Größe im Land. Opel fertigt in Eisenach das SUV-Modell Grandland als Plug-in-Hybrid sowie mit klassischen Verbrennungsmotoren. Der Umbau zur Elektro-Produktion steht noch aus. Das traditionsreiche Werk feierte 2022 sein 30-jähriges Bestehen unter der Opel-Flagge und ragt auch weiterhin als ein Leuchtturm aus der Thüringer Industrielandschaft heraus. Und nicht weit davon entfernt stellt BMW nahezu alle wichtigen Presswerkzeuge in seiner Eisenacher Produktionsstätte her, die der weltweit größte Werkzeugbaustandort des Unternehmens ist.

Das Motorenwerk der Mercedes-Benz-Tochter MDC Power in Kölleda soll in den nächsten Jahren zu einem Batteriewerk für die Elektroautos der Schwaben umgerüstet werden. Auch Bosch produziert in Eisenach Komponenten für die Elektrifizierung von Fahrzeugen. Die AE Group wiederum fertigt in Gerstungen Druckgussteile aus Aluminium für die Autoindustrie und der belgische Mikrochip-Hersteller Melexis investiert fünf Millionen Euro in den Standort Erfurt vor allem, um Halbleiterchips für die Automobilindustrie liefern zu können.

 

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