Dresden. Sachsen hat sich zu einer der am stärksten wachsenden Biotech-Regionen in Deutschland entwickelt. Der Sektor ist heute ein wichtiger Innovationstreiber und relevanter Wirtschaftsfaktor für den Freistaat.

Von Matthias Salm

Seit dem Start der Biotechnologie-Offensive im Jahr 2000 hat Sachsen über eine Milliarde Euro in diese Wachstumsbranche investiert. Mehr als 300 Akteure und über 15.000 Beschäftigte sind in den Kernbereichen Biotechnologie, Pharma und Medizintechnik tätig. Forschungsinstitute, innovative Start-ups und international agierende Unternehmen prägen das Bild der Branche, die besonders in der Zell- und Gentherapie, Diagnostik und industriellen Anwendungen der Biotechnologie aktiv ist. Stellvertretend dafür stehen das Exzellenzcluster Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) sowie das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Leipzig. Internationale Aufmerksamkeit für den Standort gab es u.a. durch den Einstieg der Kerry Group beim Leipziger Unternehmen c-LEcta, die Finanzierungszusage aus den USA für Avencell und die Kooperation des Dresdner Start-ups Seamless Therapeutics mit dem US-Pharmakonzern Eli Lilly.

Die sächsische Biotechnologie ist insbesondere rund um das Bio-Innovations-Zentrum Dresden und die BIO CITY Leipzig aktiv. Künftig wird es an beiden Standorten durch weiteren Ausbau noch mehr Platz für Unternehmen und Start-ups geben. Zudem entsteht mit der aktiven Einbindung von Chemnitz ins biosaxony-Netzwerk eine noch breitere Basis für den Life Sciences-Standort Sachsen. 

Für weiteres Wachstum bedarf es Branche eines besseren Zugangs zu Risikokapital, einer Beschleunigung von Genehmigungsverfahren sowie der Integration von Künstlicher Intelligenz in Forschung und Produktion. Gleichzeitig bieten die wachsenden Märkte für Biotechnologien und die weltweit zunehmende Bedeutung von Gesundheitsthemen große Chancen für sächsische Unternehmen.

Thomas Horn, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS), beurteilt die Chancen so: „Mit der kompletten Wertschöpfungskette am Standort, einer hohen Innovationskraft sowie den Synergien aus der Zusammenarbeit mit anderen Branchen hat die Biotechnologie das Potenzial, sich künftig noch mehr zu einer Schwerpunktbranche für Sachsen zu entwickeln. Dabei kommt vor allem der branchenübergreifenden Zusammenarbeit eine Schlüsselfunktion zu, die wir gezielt unterstützen. Dafür bringen wir in verschiedenen Formaten wie dem jährlichen Life Sciences-Forum und verschiedenen Projektwerkstätten z. B. Unternehmen aus der Textilindustrie, dem Maschinenbau, der Ernährungsbranche oder aus der Mikroelektronik mit Biotechnologiefirmen zusammen. Ziel ist es, neue technische Einsatzmöglichkeiten auszuloten und damit neue Geschäftschancen, Kooperationen und Wachstum zu fördern, etwa bei Automatisierungs- und KI-Lösungen für die Produktion in der Zell- und Gentherapie.“

Beispiele für die sächsische Forschung: Am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der TU Dresden widmen sich Spitzenforscher und -forscherinnen aus mehr als 30 Ländern neuen Therapieansätzen. Sie entschlüsseln die Prinzipien der Zell- und Geweberegeneration und ergründen deren Nutzung für Diagnose, Behandlung und Heilung von Krankheiten. Das CRTD verknüpft Labor und Klinik, vernetzt Wissenschaft und Klinik, nutzt Fachwissen in Stammzellforschung, Entwicklungs- und Regenerationsbiologie, um letztlich die Heilung von Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, hämatologischen Krankheiten wie Leukämie, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sowie Augen- und Knochenerkrankungen zu erreichen.

Aktuell fördert der Europäische Innovationsrat (EIC) das Projekt „StemPhage“ mit 2,5 Millionen Euro. Das Projekt führt die immunologische Forschung von Prof. Michael Sieweke und die Expertise für Zellproduktion von Dr. Anke Fuchs am CRTD der TU Dresden zusammen, um eine neuartige Immunzelltherapie gegen Krebs zu entwickeln und für die klinische Anwendung vorzubereiten. StemPhage ist eines von nur drei Projekten, die der EIC in Deutschland fördert und gehört zu den 40 ausgewählten Vorhaben aus insgesamt 611 europaweiten Anträgen.

Mit dem geplanten Startup EliaCell entwickelt ein Team am CRTD unter der Leitung von Prof. Michael Sieweke, Dr. Anke Fuchs und Dr. Angela Jacobi eine neue Form der Immuntherapie. Der Ansatz basiert auf Makrophagen – Immunzellen, die normalerweise im Körper Krankheitserreger erkennen und zerstören. Das Team am CRTD hat diese Zellen nun so modifiziert, dass sie Krebszellen effektiv und nachhaltig angreifen.

Die enormen Kosten von Zelltherapien machen bisher eine breite Anwendung in Gesundheitssystemen schwierig. Bisher war die Zelltherapie auf komplizierte Logistik und langwierige Prozesse angewiesen, um patienteneigene Zellen aufzubereiten. Ein neuer Ansatz soll das nun ändern. Durch ihre besondere Vermehrungsfähigkeit können EliaCell-Makrophagen in Arzneimittelqualität und in großen Mengen auf Vorrat hergestellt und dann bei Bedarf abgerufen werden. Therapien, die bisher auf hochspezialisierte Labore und wenige ausgewählte Kliniken angewiesen sind, sollten so perspektivisch breiter verfügbar werden. 

Das EliaCell-Team arbeitet zudem eng mit dem sächsische Zukunftscluster für lebende Arzneimittel SaxoCell sowie mit klinischen Partnern wie Prof. Martin Bornhäuser (Medizinische Klinik I) und Prof. Martin Wermke am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden zusammen. Die enge Verzahnung von wissenschaftlicher Expertise, Zellproduktions- und klinischem Studien-Know-how und die vorhandene Infrastruktur in Dresden bieten hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung des Projekts. Gemeinsam verfolgen die Partner das Ziel, Sachsen als führenden europäischen Innovationsstandort für zellbasierte Therapien zu etablieren.

Auch das Fraunhofer IZI in Leipzig gehört zu den wichtigen Einrichtungen im Biotech-Netzwerk Sachsens. Es ist mittlerweile seit mehr als 20 Jahren in Leipzig tätig. Das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie startete 2005 mit 16 Mitarbeitenden in der BioCity Leipzig. Die Mission: Durch angewandte Forschung in der Biomedizin, den Transfer medizinisch relevanter Grundlagenforschung in die klinische Praxis zu unterstützen.

Im Fokus standen zunächst Technologien der Regenerativen Medizin, immunmediierte und degenerativen Erkrankungen sowie Impfstofftechnologien. 2011 und 2013 wurden die Außenstellen Rostock und Halle etabliert, 2014 folgte die Angliederung des Institutsteils in Potsdam-Golm und damit eine Erweiterung des Forschungsspektrums um extrakorporale Technologien, molekulare Wirkstoffentwicklung und Bioanalytik. Seit 2018 liegt die strategische Ausrichtung des Instituts auf die Forschungsbereiche Immunonkologie und Infektionspathologie. Heute bearbeiten ca. 600 Mitarbeitende jährlich ein Projektvolumen von ca. 40 Millionen Euro. Innerhalb der Geschäftsfelder Zell- und Gentherapie, Wirk- und Impfstoffe, Molekular- und Immundiagnostik sowie Extrakorporale Therapien entwickelt, optimiert und validiert das Fraunhofer IZI Verfahren, Materialien und Produkte für biotechnologische, pharmazeutische und medizintechnische Unternehmen, Kliniken, diagnostische Labore sowie akademische Forschungseinrichtungen.

Der Beitrag Biotechnologie ist wichtiger Wachstumsmotor für Sachsen erschien zuerst auf Redaktionsnetzwerk Ost.