
Bad Saarow. Der Autobauer Tesla hat Grünheide auf die Landkarte gebracht. Nun will die Gemeinde die Bekanntheit auch touristisch nutzen. Auf dem OWF 26 wurde diskutiert, ob sich Tourismus und Industrie vertragen können.
Von Matthias Salm
Die Tesla-Fabrik hat die Region rund um Grünheide nachhaltig verändert. Die früher durchaus notleidende Gemeinde am Rande Berlins hat bundesweite Bekanntheit erlangt. Mit der Ansiedlung des amerikanischen Autobauers verbesserte sich auch die lange Zeit vernachlässigte verkehrliche Infrastruktur. Und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. „Es wird weiter in die Infrastruktur investiert“, kündigte Grünheides Bürgermeister Arne Christiani auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow an. Doch nun hat die Gemeinde noch zusätzliche Pläne. Früher war Grünheide vor allem als Naherholungsgebiet für den Ostteil Berlins bekannt. Jetzt soll der Ort das offizielle Prädikat staatlich anerkannter Erholungsort zugesprochen bekommen.
„Für uns war die Tesla-Ansiedlung ein Lottogewinn“, betont Christiani und bezieht das nicht nur auf die gestiegenen Steuereinnahmen für seine Kommune, sondern auch auf die beruflichen Perspektiven für junge Menschen in der Region. Zuvor war Grünheide und sein Umland vor allem ländlich und touristisch geprägt. 95 Quadratkilometer Wald, fünf Quadratkilometer Wasserfläche und 26 Quadratkilometer besiedelte Fläche – das sind die geographischen Daten, die das Amt Grünheide kennzeichnen. Die natürliche Umgebung prägt die Gemeinde nach wie vor. „Wir werden nie ein zweites Wolfsburg werden“, weist der Grünheider Bürgermeister den hin und wieder ins Spiel gebrachten Vergleich mit Deutschlands berühmtester Autostadt weit von sich.
Nun will Grünheide in diesem Sommer beim Land Brandenburg den Antrag auf Anerkennung als staatlich anerkannter Erholungsort stellen. Passt das zu einem Industriestandort? Angesichts des immer noch vorhandenen Naturreichtums ist sich Bürgermeister Christiani sicher: „Das ist machbar.“
Unterstützung erhält die Grünheider Lokalpolitik vom Autobauer Tesla selbst. Theresa Eggler, bei Tesla für Policy & Business Development zuständig, sagt: „ Wir begrüßen das Vorhaben total. Es wäre ein Paradebeispiel dafür, dass Industrie und Tourismus kein Widerspruch sein muss, sondern ein natürliches Miteinander möglich ist.“
Auch Daniela Setton, Referatsleiterin Tourismus beim für die Anerkennung zuständigen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Klimaschutz und Europa des Landes Brandenburg stellt grundsätzlich fest, dass sich Industrie und Tourismus nicht ausschließen müssen. Für die Auszeichnung als Erholungsort muss Grünheide aber ein gesetzlich geregeltes Anerkennungsverfahren durchlaufen. „Dazu werden strenge Prüfkriterien angelegt“, erklärt sie.
So werden beispielsweise die klimatische und landschaftliche Situation der Gemeinde unter die Lupe genommen, ebenso die Ausstattung Grünheides mit Rad- und Wanderwegen oder eine ausreichende touristische Beschilderung. Das Land verlangt darüber hinaus u.a. eine touristische Entwicklungskonzeption und ein Gutachten über die Luftqualität. Bürgermeister Christiani ist sich aber sicher, dass Grünheide trotz des Teslawerks und der damit einhergehenden Güterverkehre diese Anforderungen erfüllen kann.
Für Grünheide wäre das Prädikat Erholungsort ein wichtiges Marketinginstrument. Schon jetzt zählt die Gemeinde zu den Top-Ten-Locations bei den Übernachtungszahlen in Brandenburg.
Für Ellen Rußig, Geschäftsführerin des Tourismusverbands Seenland Oder-Spree, hat die Region aber noch zusätzliches Potenzial – als Naherholungsgebiet für die Metropole Berlin, gerade im Bereich der Tagesausflüge.
Dass dieses Potenzial künftig gehoben werden kann, das verspricht der neue Bahnhof Fangschleuse. „Die Deutsche Bahn hat sich an ihre zeitlichen Vorgaben gehalten“, sagt Frank Steffen, Landrat des Landkreises Oder-Spree, mit einem Schmunzeln. Der neue Bahnhof soll Ende des Jahres vollständig in Betrieb gehen. Erste Züge des Regionalexpress RE1 sollen laut Deutsche Bahn jedoch bereits ab August in Grünheide halten. Vor der Tesla-Ansiedlung nutzten gerade einmal einige hundert Menschen täglich den Bahnhof. Künftig sollen dort bis zu 16.000 Fahrgästen pro Tag an- und abreisen, in erster Linie natürlich Beschäftigte des Autowerks. Ein engerer Takt und längere Züge sollen das Passagieraufkommen bewältigen helfen. Dafür werden am Bahnhof Fangschleuse eigens die Bahnsteige verlängert. Das ist auch notwendig, schließlich will Tesla in der Autoproduktion 1.000 und in der Batterieproduktion 1.500 Beschäftige in diesem Sommer zusätzlich einstellen. Die Anreisemöglichkeiten für Touristen haben sich damit auch schlagartig verbessert, nun muss der Landkreis beim Ausbau des Radwegenetzes noch nachlegen.