
Berlin. Das Berliner Handwerk befindet sich im Frühjahr 2026 in einer spürbaren wirtschaftlichen Schwächephase. Die Schwäche zeigt sich inzwischen nicht mehr nur in den Erwartungen, sondern auch im laufenden Geschäft.
Der Geschäftsklimaindex ist auf 100 Punkte gefallen und liegt damit nur noch auf der neutralen Schwelle. Lediglich 32 Prozent der Betriebe bewerten ihre Geschäftslage als gut, 45 Prozent als befriedigend und 23 Prozent als schlecht. Der Saldo der aktuellen Geschäftslage sinkt auf nur noch 9 Punkte und erreicht damit den schwächsten Frühjahrswert seit 2013.
„Die Betriebe stehen unter massivem Druck – und das aus mehreren Richtungen gleichzeitig“, erklärt Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Berlin. „Wenn Aufträge rückläufig sind, während Energie- und Betriebskosten steigen, wird jede Investition und jede Personalentscheidung zur Rechenaufgabe. Die Betriebe fahren nicht auf Sicht, sie fahren mit angezogener Handbremse – das schadet auf Dauer dem Motor. Konkret bedeutet das: Viele Unternehmen verschieben Investitionen, ersetzen Maschinen nur noch im Notfall und stellen neue Mitarbeiter deutlich zurückhaltender ein.“
Zu den größten Risiken zählen weiterhin die hohen Energie- und Kraftstoffpreise, da viele Aufträge mit mehrfachen Fahrten zu Kundinnen und Kunden sowie Baustellen verbunden sind. 83 Prozent der Betriebe bewerten Rohstoff- und Energiekosten als hohes oder sehr hohes Risiko. Sie erhöhen nicht nur die Betriebsausgaben, sondern dämpfen gleichzeitig die Nachfrage, weil Kunden Investitionen zurückstellen. Auch die kurzfristig geplante Senkung der Energiesteuer wird aus Sicht vieler Betriebe die Preisentwicklung nicht spürbar und dauerhaft dämpfen.
Für die kommenden sechs Monate rechnen lediglich 16 Prozent der Betriebe mit einer besseren Geschäftslage, 24 Prozent erwarten eine Verschlechterung. Der Erwartungssaldo liegt bei minus 8 Punkten und signalisiert damit die weiterhin fehlende Zuversicht.
Die Nachfrage bleibt der zentrale Schwachpunkt der aktuellen Entwicklung: Der Saldo der Auftragseingangslage sinkt auf minus 15 Punkte. Gleichzeitig werden die Auftragspolster sichtbar dünner: Die mittlere Auftragsreichweite geht von 14 auf 12 Wochen zurück, die Auslastung liegt mit 82 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt. Rund ein Viertel der Betriebe bewertet den Auftragsbestand als zu klein.
Fachkräftemangel bleibt strukturelles Kernproblem
Trotz der konjunkturellen Abkühlung bleibt der Fachkräftemangel eines der größten Risiken. 71 Prozent der Betriebe sehen darin eine erhebliche Belastung. Die aktuelle Zurückhaltung bei Neueinstellungen ist daher keine Entwarnung, sondern Ausdruck eines Spannungsfeldes: Betriebe finden weiterhin zu wenig qualifiziertes Personal, können aber gleichzeitig aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheit weniger einstellen. Die Beschäftigungspläne bleiben nahezu auf der Stelle stehen: Der Saldo liegt bei lediglich einem Punkt.
Die Entwicklung fällt je nach Handwerksgruppe unterschiedlich aus, insgesamt bleibt das Bild jedoch angespannt.
Bauhauptgewerbe: Der Geschäftsklimaindex sinkt auf 91 Punkte. Die aktuelle Geschäftslage rutscht ins Negative, zugleich liegen Auftragseingang, Umsatz und Beschäftigung deutlich im Minus. Die Dachdecker halten sich stabil, während die Maurer und Betonbauer eine klar rezessive Entwicklung erleiden.
Ausbaugewerbe: Mit 103 Punkten bleibt der Index zwar knapp über der neutralen Marke, die Gruppe kann die Handwerkskonjunktur aber spürbar weniger stützen als in früheren Jahren. Auffällig ist die Spreizung innerhalb der Gewerke. Installateure und Heizungsbauer sowie Elektrotechniker sind noch positiv gestimmt. Sie profitieren vor allem von langfristigen Servicevertragen. Maler und Lackierer stehen hingegen unter Druck.
Handwerke für den gewerblichen Bedarf: Die Lage ist noch leicht positiv. Besonders problematisch ist die Verschlechterung beim Auftragseingang. Gebäudereiniger und Metallbauer.
Kraftfahrzeuggewerbe: Ein stabilisierender Faktor bleibt das Kfz-Gewerbe. Mit einem Geschäftsklimaindex von 117 Punkten liegt es weiterhin im positiven Bereich. Dem Handwerk kommt es zugute, dass Autos zurzeit länger gefahren werden aufgrund der hohen Kosten und Unsicherheiten über das Verbrenner-Aus und die Förderung von E-Autos.
Nahrungsmittelgewerke: Das Nahrungsmittelhandwerk steht hingegen wegen der hohen Energiekosten unter Druck. Die hohen Kosten für Backöfen, Kühlung und Produktion schlagen negativ zu Buche.
Angesichts der schwierigen Lage stellt das Berliner Handwerk mehrere Forderungen an die Politik.
Bürokratieabbau: Das Handwerk fordert einen KMU-Praxistest. Bürokratische Auflagen sollen sich daran ausrichten, ob sie von kleinen und mittleren Unternehmen geleistet werden können.
Ausschreibungs- und Vergabegesetz: Die öffentliche Vergabe muss mittelstandsfreundlich bleiben und sich nicht an Konzernstrukturen ausrichten.
Auszubildende: Die Politik soll junge Menschen stärker in den Mittelpunkt stellen. Dabei soll vor allem die Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung hergestellt werden. Zudem soll bezahlbarer Wohnraum für Auszubildende geschaffen werden. Das Handwerk wäre bereit, seinen Anteil daran zu tragen.
Innenstädte: Das Handwerk verläßt zunehmen die Innenstadtkieze. Deshalb soll die Politik Gewerbehofmodelle fördern und den Wirtschaftsverkehr in den Innenstädten nicht zusätzlich behindern.
Der Beitrag Berliner Handwerk blickt sorgenvoll in die Zukunft erschien zuerst auf Redaktionsnetzwerk Ost.