Berlin. Der Wettbewerbsreport Ost 2026, den Staatsministerin Elisabeth Kaiser und der Saarower Kreis in Berlin vorgestellt haben, beleuchtet die strukturellen Defizite der ostdeutschen Wirtschaft. Die wichtigsten Erkenntnisse des Reports im Detail: 

Grundlage des Wettbewerbsreports ist der 2025 auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) erstmals vorgestellte ifo-Faktenmonitor. Die Niederlassung Dresden des ifo-Instituts erstellte dazu ein Datenkonvolut, das derzeit rund 250 Indikatoren für einen Vergleich wirtschaftlicher Daten aller Bundesländer umfasst. Initiiert wurde der Wettbewerbsreport vom Saarower Kreis, einem Zusammenschluss ostdeutscher Wirtschaftsverbände. 

Zunächst ist der Aufholprozess durchaus eine Erfolgsgeschichte. Im Jahr 2025 lag das BIP je Erwerbstätigen in den ostdeutschen Flächenländern bei rund 85 Prozent in Relation zum westdeutschen Durchschnittswert. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Kennzahl von ehemals 78 Prozent verbessert. In der Folge hat etwa das Land Brandenburg die westdeutschen Länder Saarland, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz in der Wirtschaftsleistung überholt. Auch auf kommunaler Ebene gibt es solche Erfolge zu vermelden wie etwa in Jena, im Saalekreis oder in den Landkreisen Spree-Neiße und Dahme-Spreewald. „Sie liegen mittlerweile über dem Bundesdurchschnitt“, freut sich Staatsministerin Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftrage der Bundesregierung. 

Doch ein Blick ins Detail verrät die strukturellen Probleme der ostdeutschen Wirtschaft. Das beginnt beim geringeren Investitionsvolumen in Ostdeutschland. Im Zeitraum 2019 bis 2023 lagen die Bruttoanlageinvestitionen je Einwohner in den ostdeutschen Ländern lediglich bei gut 75 Prozent des westdeutschen Niveaus. Gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen liegen die Unternehmensinvestitionen um etwa 25 Prozent niedriger im Vergleich zu Westdeutschland. Unternehmen in Ostdeutschland investieren zu wenig, um Produktivitätssteigerungen zu realisieren. Prof. Dr. Joachim Ragnitz, Stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden und einer der Autoren des Wettbewerbsreports, warnt daher: „Die Investitionen reichen bei weiten nicht aus, um den Kapitalstock zu modernisieren.“

Der demographische Wandel verschärft die Probleme in Ostdeutschland zusätzlich. Besonders in Sachsen-Anhalt und Thüringen geht die Zahl der erwerbsfähigen Personen stark zurück. „Im Westen ist die Entwicklung nicht so dramatisch“, sagt Prof. Ragnitz. 

Auch beim Ausbildungsgrad sind die ostdeutschen Flächenländer im Hintertreffen. Der Anteil an Beschäftigten mit akademischem Berufsabschluss ist vergleichsweise niedrig. Dafür ist die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss im Osten vergleichsweise hoch. Das ist auch auf die Abwanderung gut qualifizierter Arbeitskräfte in den Westen zurückzuführen. Aber auch die Wirtschaftsstruktur mit eher nachgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette trägt dazu bei. 

Dabei schneiden die ostdeutschen Länder bei Bildungstests regelmäßig gut ab, abgesehen von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Qualität des Schul- und Bildungssystems in Ostdeutschland ist vergleichsweise hoch sind lediglich Brandenburg und Mecklenburg- Vorpommern. Auch die ostdeutschen Hochschulen sind gut ausgestattet, nicht zuletzt dank erfolgreicher Drittmittelakquise. Dennoch ziehen viele Abiturienten für ihr Studium nach Westdeutschland und verbleiben dort.

Ein weiters Manko besteht in der betrieblichen Forschung. Die FuE-Aufwendungen belaufen sich lediglich auf 0,72 Prozent des BIP. In Westdeutschland hingegen investieren die Unternehmen im Schnitt fast 2,5 Prozent des BIP in FuE, bilanziert der Wirtschaftsreport. Der Rückstand besteht auch im Vergleich europäischer Regionen. Ein Grund für den Aufholbedarf liegt in der Wirtschaftsstruktur. Es mangelt an forschungsintensiven größeren Unternehmen. „Das führt dazu, dass man im Osten weniger Produktneuheiten und weniger Prozessinnovationen hat“, führt Prof. Dr. Joachim Ragnitz aus.

Einen Teil dieses Defizits gleichen die Länder durch erhöhte Forschungsinvestitionen aus. Hier tut sich vor allem Sachsen hervor. So überzeugen die ostdeutschen Hochschulen bei Patentanmeldungen oder Drittmittelgewinnung. 

Ein letzte strukturelle Schwäche der ostdeutschen Wirtschaft ist die zu geringe Gründungsdynamik. In westdeutschen Bundesländern wurden im Jahr 2024 4,8 Unternehmen je 1.000 Einwohner im erwerbsfähigen Alter neu gegründet. in den ostdeutschen Flächenländern 3,7 Unternehmen. In Thüringen werden gar mehr Unternehmen geschlossen als neu gegründet werden. Lediglich Berlin als Gründungsmetropole bildet eine Ausnahme. Auch bei der Qualität der Gründungen mangelt es in Ostdeutschland. Vielen Jungunternehmer starten im Bereich konsumnaher Dienstleistungen oder im Handel. „Das sind wenige dynamische Bereiche mit weniger Zukunftschancen“, sagt Prof. Ragnitz. Seine Bilanz zum ostdeutschen Aufholprozess: „Wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern, droht der Abstand wieder zu wachsen.“

Eine Sondererhebung der Wettbewerbsreports widmet sich der geringeren Vermögensbildung im Osten, sowohl privat als auch betrieblich. „Vermögen ist auch ein Standortfaktor“, sagt Achim Oelgarth, Geschäftsführender Vorstand des Ostdeutschen Bankenverbands. „Vermögen schafft Handlungsspielräume für Wohneigentum, Gründung, Nachfolgeinvestitionen und wirtschaftliche Teilhabe“. „Laut dem Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom April 2025 verfügten ostdeutsche Haushalte (inklusive Berlin) im Jahr 2023 im Median über ein Nettovermögen von 35.900 Euro“ bilanzieren die Autoren des Wettbewerbsreports. In Westdeutschland liegt der Wert bei 143.200 Euro. Der Abstand zwischen den beiden Landesteilen hat zuletzt sogar noch zugenommen. 

Das liegt nicht nur am niedrigeren Einkommensniveau und der geringeren Sparquote im Osten. Auch die Erbschaften fallen dort geringer aus. Dazu kommen niedrigere Immobilienwerte und eine geringere Teilhabe an renditestarken Vermögensformen. „Die Vermögenslücke ist kein monokausales Problem, sondern ist strukturell gewachsen“, so Oelgarth, Wichtige Vermögensbestandteile wie etwa das Wohneigentum weisen immer noch eine große Differenz zwischen Ost und West auf. Die Wohneigentumsquote der Haushalte 2022 lag im Osten bei 34,9 Prozent und im Westen bei 46,4 Prozent. Beteiligungen an Unternehmen sind in Ostdeutschland ebenfalls seltener. Auch die Betriebsvermögen fallen in Ostdeutschland weit geringer aus. Die Gründe liegen in der kleinteiligen Unternehmensstruktur und der historisch bedingt fehlenden Möglichkeit, über Generationen gewachsene Unternehmensvermögen zu bilden. Als Ansätze, um die Vermögensbildung im Osten zu stärken, schlagen die Autoren eine bessere Kapitalmarktpartizipation und eine bessere Finanzbildung der Bevölkerung vor. 

Den vollständigen Wettbewerbsreport finden Sie in Kürze hier zugänglich.