Berlin. Die Pleitewelle reißt auch 2026 viele ostdeutsche Unternehmen mit. Betroffen sind unterschiedlichste Branchen. Von der Chemieindustrie über Autozulieferer bis hin zu Brauereien. Eine Übersicht über das Geschehen.

Von Matthias Salm

Der IWH‑Insolvenztrend ermittelte im Februar 2026 einen weiteren Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland. Mit 1.466 Fällen lagen die Werte fünf Prozent höher als im Januar, zwei Prozent über dem Vorjahr und 58 Prozent über dem Vor‑Corona‑Niveau. Besonders stark traf es Beschäftigte größerer Arbeitgeber. Aber nicht immer bedeutet die Insolvenz auch das endgültige Aus. Einige Unternehmen konnten sich sanieren oder wurden von Investoren übernommen. Eine Übersicht über das Insolvenzgeschehen.

Fahrzeugbau: Für den in Schieflage geratenen mittelständischen Straßenbahn- und Stadtbahnhersteller HeiterBlick GmbH mit Sitz in Leipzig gibt es Hoffnung. Anfang des Jahres erklärte sich die polnische PESA Bydgoszcz SA, ein führender europäischer Hersteller von Schienenfahrzeugen, bereit, 100 Prozent der Anteile zu übernehmen. PESA ist auf den Bau von Regionalzügen, Triebwagen und Straßenbahnen spezialisiert.

Die Fahrzeug- und Modulbau Lomma GmbH aus Lommatzsch hat Mitte März Insolvenz angemeldet. Es ist nicht die erste Insolvenz des Landmaschinenherstellers, der für Kipper und Wiesenwalzen bekannt ist. 

Automobilbau: Für den insolventen Gardelegener Autozulieferer Boryszew mit 330 Beschäftigten konnte bisher kein Investor gefunden werden. Die Produktion soll voraussichtlich zum Jahresende enden. Der Kunststoff- und Zinkdruckguss-Spezialist, der Komponenten für den Autoinnenraum produziert, ist ein Opfer der Krise beim Autoriesen Volkswagen.

Auch der Autozulieferer BOHAI TRIMET Automotive Holding GmbH, ein spezialisierter Hersteller von Aluminium-Druckgussteilen mit Standorten in Harzgerode und Sömmerda, meldete bereits 2025 Insolvenz an. Der Betrieb konnte aber fortgeführt werden. 

Brauwirtschaft: Reihenweise kapitulieren in Deutschland mittelständische Brauereien. Die Deutschen werden zunehmend abstinent. Um sechs Prozent sank der Absatz bundesweit in 2025. In Sachsen noch stärker. Auch die Zwickauer Mauritius Brauerei fiel dem zum Opfer. Die über 160 Jahre alte Brauerei wird nun durch einen Insolvenzverwalter geführt.

Besser ergeht es der Rosenbrauerei Pößneck. Sie hat einen neuen Investor aus Erfurt gefunden, der über Erfahrung in der Sanierung von Brauereien verfügt.

Chemiewirtschaft: Die Stilllegung der DOMO Chemiewerke in Leuna konnte in letzter Minute verhindert werden. Eine von InfraLeuna und Leuna‑Harze gegründete Auffanggesellschaft wird den Betrieb des Unternehmens fortführen. Insolvenzverwalter Lucas Flöther übergab die Werke an die Auffanggesellschaft. DOMO hatte Ende letzten Jahres Insolvenz angemeldet. Das Werk war eigentlich bereits im Januar geschlossen worden. Das Land Sachsen-Anhalt hatte aber den Notbetrieb angeordnet, um Schäden von den Anlagen abzuwenden. Rund 80 Millionen Euro flossen dazu. DOMO ist weltweiter Produzent von Polymeren, technischen Kunststoffen und Hochleistungsfasern. Kunden sind die Automobilbranche, die Konsum- und Industriegüterindustrie, die Bauwirtschaft und Verpackungshersteller. Vor allem sind die Werke wichtiger Teil der Lieferketten im mitteldeutschen Chemiedreieck.

Holzindustrie: Natürlich geraten auch die ostdeutschen Standorte westdeutscher Mittelständler in den Strudel. So wie die 60 Mitarbeitenden der Ulmer Mocopinus GmbH & Co. KG. Das Holzbauunternehmen muss seinen Ammelshainer Standort aufgeben.

Keine Rettung gibt es wohl auch für den Fensterbauer OL Produktionsgesellschaft in Elsnigk im Osternienburger Land in Sachsen-Anhalt. 

Freizeitwirtschaft: Fast schon kurios. Der Erlebnispark „Glück auf“ in Raschau-Markersbach war bereits drei Monate nach seiner Eröffnung trotz öffentlicher Förderung Ende letzten Jahres zahlungsunfähig.

Lebensmittelindustrie: Ganz besonders unter Druck geraten sind die Bäckereien zwischen Ostsee und Erzgebirge. Seidels Klosterbäckerei mit Filialen in Dresden, Leipzig und Nossen mussten 2025 Insolvenz anmelden, wurde aber nun von einem neuen Eigentümer übernommen. 

Die Sanierung der Mecklenburger Backstuben in Waren wird hingegen vom Familienunternehmen selbst durchgeführt. Alle Filialen werden aber nicht überleben. 

Auch die Halberstädter Bäcker und Konditoren GmbH mit 120 Beschäftigten hat im Februar Insolvenz angemeldet. Der Hersteller des bekannten Halberstädter Domstollens leidet wie alle Bäckereien unter verändertem Kaufverhalten und hohen Energiekosten. 

Werkzeugbau: Der traditionsreiche Werkzeug-Hersteller Horst Pfau aus Lößnitz im Erzgebirge hat Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen stellt Stanz- und Umformwerkzeuge her. Es ist von der Krise in der Automobilzulieferbranche mitgerissen worden. Der Geschäftsbetrieb läuft unterdessen vollständig weiter

Keramische Industrie: Ein großer Name: Kahla Porzellan blickt auf eine über 180-jährige Firmengeschichte zurück. Jetzt ist das Unternehmen in Insolvenz. Auch hier trifft Kaufzurückhaltung auf explodierende Kosten. 

Möbelbranche: Schon 168 Jahre alt ist sächsische Möbelhersteller OKA Büromöbel GmbH & Co. KG aus Ebersbach-Neugersdorf. Mehr als 200 Beschäftigte müssen nun hoffen. Probleme beim Bau eines Werkes in Polen haben zu der misslichen Lage beigetragen. 

Landwirtschaft: Der Heu-Lieferant SeBA Raufutter aus Genthin belieferte einst auch die Scheichs in Dubai und war weltweit aktiv. Nun hat auch er Insolvenz beantragt. 

Auch in der Brandenburger Landwirtschaft gibt es Insolvenzen zu beklagen. Wie die der Zuchtbetriebe Prignitzer Mastschwein und Prignitzer Landschwein  in Neudorf (Gemeinde Groß Pankow).

Metallbau: Gute Nachrichten gab es in den Salzwedel. Die insolvente der ISB Stahlblechbau GmbH wurde an die SMSAW Stahl- und Metallbau Salzwedel GmbH verkauft.

Auch die DSG Werkzeug- und Metallbau GmbH mit Sitz in Obergurig hofft auf Rettung. Das Unternehmen verlor durch den Verkauf eines wichtigen Kunden in Görlitz Aufträge. 

Verlagswesen: Für den insolventen Magdeburger Schulbuchverlag Militzke gab es keine Rettung. Ein Investor konnte trotz Verhandlungen nicht gefunden werden. Als Begründung wurde die gesunkene Nachfrage nach Lehrmitteln genannt. 

Maschinenbau:  Keine Lösung wurde für den Automation-, Sonder- und Werkzeugmaschinen-Hersteller ASW GmbH Naumburg gefunden. 70 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Auch der weltweit älteste Hersteller von Papierschneidemaschinen, die Perfecta Schneidemaschinenwerk GmbH in Bautzen hat Ende Dezember 2025 angemeldet. Hier wird der Geschäftsbetrieb aber fortgeführt.

Software: Das Berliner Unternehmen Native Instruments stellte mehrere Insolvenzanträge für diverse Teile des Unternehmens. Der Musiksoftwarehersteller blickt auf eine fast 30-jährigen Firmengeschichte zurück. Die Verhandlungen für eine Übernahme laufen aber gegenwärtig. 

Büromittel: Der Büromittelhersteller Kolibri mit Sitz in Bad Gottleuba kann auf eine Fortführung hoffen. Es gibt Interessenten.

Kinder- und Babywaren: Mit dem Kinderwagenproduzent Zekiwa aus Zeitz ist auch eine ostdeutsche Kultmarke in die Insolvenz gerutscht. Hohe Kosten, sinkende Umsätze, weggebrochene Märkte und der Geburtenrückgang machten dem Traditionsunternehmen zu schaffen, das allerdings bereits im Ausland produzierte. 

Der Beitrag Insolvenzgeschehen Ost: So ist die Lage erschien zuerst auf Redaktionsnetzwerk Ost.