Porsche baut Stellen ab, VW in Zwickau kriselt und Zulieferer gehen insolvent. Auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow mahnten Experten dennoch zur Gelassenheit. Der Standort hat auch seine Stärken. 

Von Matthias Salm

Bad Saarow. Es gibt auch gute Nachrichten aus dem Autoland Ost: Insgesamt 60 Prozent aller in Ostdeutschland produzierten Pkw sind zukunftsfähige Elektroautos. Das hat die Leipziger Initiative Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD) berechnet. Das liegt zuvoderst an den reinen E-Auto-Fabriken in Zwickau und Grünheide. Und es rollen moderne Fabrikate vom Band. Im VW-Fahrzeugwerk Zwickau begann jüngst die Serienproduktion den neuen ID.3 Neo. Dazu wird seit Ende Mai der überarbeitete Audi Q4 e-tron in Sachsen produziert. 

Auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow reihte sich Dr. Thomas Becker, Senior Vice President External Affairs and Sustainability BMW Group, in den Reigen der Optimisten ein: „BMW in Leipzig läuft.“ Das BMW Group Werk Leipzig feiert 2025 ein Rekordjahr. Nach 246.195 Automobilen in 2024 erzielte das Werk in 2025 mit 259.430 produzierten BMW und MINI Fahrzeugen einen neuen Höchstwert in der 20-jährigen Werksgeschichte.

Aufgrund der hohen Kundennachfrage produziert das Werk Leipzig im Dreischichtbetrieb täglich bis zu 1.300 Fahrzeuge. Dazu gehören der 1er BMW, der 2er BMW als Gran Coupe und Active Tourer sowie der MINI Countryman. Erst im Dezember 2025 lief in Leipzig das insgesamt viermillionste Fahrzeug vom Band.

Aber es gibt auch die gegenteiligen Meldungen: Wegen sinkender Absatzzahlen will Porsche in Leipzig bis Ende August 200 Stellen abbauen. Und das Volkswagenwerk in Zwickau wurde jüngst wieder zur Disposition gestellt. Nico Kämpfert, Geschäftsführer INNOVATIS und Mitglied im Vorstand des Automobilclusters SAHREG sagt deshalb: „Der Automobilstandort ist Spiegelbild vieler Industriebereiche. Wir wollten globale Märkte. Aber in der zweiten und dritten Ebene des Mittelstands brennt es nun lichterloh.“

Einig waren sich die Experten, dass das Verbrenner-Aus vor den gegenwärtigen Krisen der Wirtschaft beschlossen wurde. Die Dekarbonierung müsse auch das Ziel bleiben. Doch die Frage, wie diese erreicht werden könne, stelle sich anhand der Belastungen der Wirtschaft neu. Nach Ansicht von Dr. Thomas Becker müsse die Politik umdenken: „BMW will pariskonform produzieren. Aber es bedarf einer Gesamtschau über den gesamten Lebenszyklus eines Autos.“ Die Dekarbonisierung dürfe nicht ausschließlich am Auspuff ansetzen.

Dennoch mahnt Becker zu mehr Gelassenheit: „Es gab schon mehrere Automobilkrisen in Deutschland.“ Als Beispiel nannte er den Einstieg der japanischen Anbieter in den europäischen Markt. Japaner und Koreaner hatten lange Zeit abgeschlossen Heimatmärkte. Dann betrieben sie offensiv das Exportgeschäft und haben die Märkte geöffnet. In der Folge wurden auch japanische Auto-Fabriken in Europa geschaffen. Es sei daher naiv gewesen, zu glauben, dass China auf ewig nur ein Absatzmarkt bliebe. Es war absehbar, dass auch China irgendwann sich auf den Export ausrichten würde. Davon profitieren auch die deutschen Hersteller. „BMW war der erste Kunde von chinesischen Batterieherstellern, weil diese die beste Batterie geliefert haben“, erinnert Becker.

Europa müsse nun reagieren, fordert Becker. Der europäische Markt sei zu fragmentiert. In Belgien hat sich die Zahl der batterieelektrischen Pkw innerhalb von drei Jahren verfünffacht.In Portugal wuchs der E-Auto-Markt zuletzt um 35 Prozent. In Spanien hingegen nur um acht Prozent. Der Unterschied liege, so Becker, in der E-Auto-Infrastruktur und in der Steuerpolitik. Hier müsse es mehr Einheitlichkeit geben. Dazu gehöre auch die Begünstigung des Stroms für elektrisches Fahren in Europa. „Es muss gelten: Der elektrische Kilometer ist der billige Kilometer.“

Nico Kämpfert freute sich über die steigenden Zulassungszahlen bei E-Autos, gab aber zu bedenken: „Die Zahlen reichen bei weitem nicht aus, um die wegbrechende Nachfrage im herkömmlichen Sektor auszugleichen.“ Es bestünden Überkapazitäten. Und „Was stillgelegt wird, kommt nicht wieder“, mahnt Kämpfert

Für die Zukunft des ostdeutschen Standorts wünschte sich Sebastian Scheel, Staatssekretär Wirtschaft, Arbeit, Energie- und Klimaschutz im Freistaat Sachsen, dass der Technologietransfer stärker in den Fokus rücke. Dazu gehöre, dass Hoschulinnovationen in bestehenden Unternehmen im Mittelstand umgesetzt würden, statt Startups auf der grünen Wiese zu gründen. „Dafür haben wir bestehende Strukturen, auf die wir aufbauen können.“