
Berlin. In fünf Regionen in Brandenburg und Hessen werden künftig innovative Lösungen für zentrale Herausforderungen in Landwirtschaft und Ernährungssystemen entwickelt und unter realen Bedingungen erprobt.
Mit dem Innovationszentrum für Agrarsystemtransformation (IAT) gehen das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg, die Universität Kassel, die Justus-Liebig-Universität Gießen und die Hochschule Geisenheim gemeinsam neue Wege.
Klimawandel, zunehmende Wetterextreme und globale Krisen verdeutlichen, wie anfällig Agrar- und Ernährungssysteme sein können. Gleichzeitig müssen Landwirtschaft und Wertschöpfungsketten heute mehr denn je unterschiedliche Anforderungen erfüllen: Sie sollen eine verlässliche Versorgung sichern, wirtschaftlich tragfähig bleiben und zugleich ihren Beitrag zu Klimaschutz und Ressourcenschonung leisten.
Dies gelingt langfristig nur mit innovativen Praktiken, die auf gesunde Böden und Landschaften aufbauen. Genau hier setzt das IAT an. Mit einer gemeinsamen Forschung und neuen Service- und Infrastrukturen unterstützt es Akteure im Agrar- und Ernährungssystem dabei, ihre Produktionsweisen und Kooperationsstrukturen so weiterzuentwickeln, dass sie klimaangepasst, ressourcenschonend und wirtschaftlich stabil arbeiten können.
Dabei betrachtet das IAT Land- und Ernährungswirtschaft nicht isoliert auf der Ebene einzelner Betriebe, sondern auf regionaler Landschaftsebene im Zusammenspiel von Produktion, Verarbeitung, Vermarktung und gesellschaftlichen Erwartungen. Entscheidungen in Acker- und Weinbau, Grünland, Tierhaltung oder Energieerzeugung wirken sich auf ganze Regionen aus – ökologisch wie wirtschaftlich. Die Reallabore schaffen deshalb einen Rahmen, in dem diese Wechselwirkungen sichtbar werden und systematisch berücksichtigt werden können.
Im Mittelpunkt des IAT stehen fünf Reallabore als dauerhafte Kooperations- und Experimentierräume. Dort arbeiten Forschung, landwirtschaftliche Betriebe, Kommunen, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft über viele Jahre hinweg gemeinsam an tragfähigen Ansätzen.
Das Besondere am IAT ist der lange Atem: Die Reallabore sind, im Gegensatz zur klassischen Projektforschung, auf langfristige Zusammenarbeit ausgelegt und umfassen ganze Regionen in Brandenburg und Hessen. Hier sollen künftig neue und miteinander integrierte Ansätze für den Acker- und Weinbau, das Grünland, die Tierhaltung, den Umgang mit Wasser, Böden und Artenvielfalt oder den Aufbau regionaler Wertschöpfung unter realen Bedingungen erprobt und über viele Jahre hinweg entwickelt werden.
„Landwirtschaftliche Betriebe und regionale Akteure aus Politik und Praxis bringen ihre Erfahrungen und ihr Wissen bereits bei der Formulierung der Forschungsfragen von Anfang an ein. So arbeiten wir an Lösungen, die vor Ort auch akzeptiert werden und im Alltag bestehen können“, ist Prof. Bettina Matzdorf, Co-Leiterin des IAT am ZALF, überzeugt. „Im Verständnis des IAT werden aus Lösungsvorschlägen für neue Technologien, Produkte oder Vermarktungswege erst dann Innovationen, wenn diese tatsächlich in der Praxis Anwendung finden. Daher ist es uns wichtig, genau hinzuschauen: Was benötigen die Akteure vor Ort, welche Hemmnisse bestehen und welche Innovationen erweisen sich am Ende wirklich als praxistauglich?“
Prof. Frank Ewert, Wissenschaftlicher Direktor des ZALF, ergänzt: „Mit der Eröffnung des IAT wollen wir uns als ZALF, verstärkt durch die enge Kooperation mit den hessischen Hochschulen in Gießen, Kassel und Geisenheim, zu einem führenden Akteur in der landwirtschaftlichen Reallaborforschung weltweit entwickeln und neue Maßstäbe im Transfer von Innovationen aus der Forschung in die Praxis setzen.“ Mit der zusätzlichen Bewilligung des IATs ab 2026 eröffnet das ZALF erstmals in der fast 100-jährigen Tradition seines Forschungsstandortes im brandenburgischen Müncheberg auch drei neue Standorte in Hessen.
In Ostbrandenburg wird untersucht, wie Betriebe mit Trockenstress und wenig fruchtbaren Böden besser umgehen können – etwa durch vielfältigere Fruchtfolgen und digitale Hilfsmittel. Im Havelland Westbrandenburgs werden neue Formen der Moorbewirtschaftung entwickelt, die Klimaschutz und ländliche Wertschöpfung vereinen. In der Nordhessischen Lössebene und im Hessischen Mittelgebirge bringen die Partner ihre besondere Expertise in den Bereichen ökologischer Landbau und Tierhaltung ein. Im Reallabor Rheingau steht die multifunktionale, klimaresiliente Weiterentwicklung der durch den Weinbau geprägten Landschaft im Fokus. In allen Reallaborregionen wird am Aufbau von Wertschöpfungsketten für regionale Produkte geforscht: vom Feld über die regionale Verarbeitung bis zum Vertrieb. Ein weiteres Thema, sowohl in Brandenburg als auch in Hessen, ist die Kombination von Energie- und Landwirtschaft – zum Beispiel mit Agri-Photovoltaik-Anlagen auf Feldern und in Weinbergen.
Um die Reallabore wissenschaftlich zu begleiten, werden in den kommenden Monaten 15 neue Forschungsarbeitsgruppen und drei Servicearbeitsgruppen am ZALF aufgebaut. Neun dieser Gruppen werden durch gemeinsam eingerichtete Professuren getragen, die von den hessischen Partnerhochschulen und weiteren Hochschulen zusammen mit dem IAT besetzt werden. Für die enge Zusammenarbeit mit den hessischen Partnereinrichtungen entstehen Standorte in Gießen, Kassel und Geisenheim. Ein Koordinationsbüro in Müncheberg mit einer Außenstelle in Gießen sowie die Netzwerkmanagerinnen und Netzwerkmanager in allen Reallaboren unterstützen die vielfältigen Forschungsaktivitäten in den fünf Regionen. In Hessen kooperiert das IAT weiterhin eng mit dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH).
Brandenburgs Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle: „Technologische Innovationen allein garantieren keinen Erfolg – dafür gibt es zahllose Beispiele. Nur wer reale Probleme löst und dabei den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontext berücksichtigt, wird erfolgreich sein. Wie das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, das sich den komplexen Wechselwirkungen zwischen Landschaft, Wirtschaft und Gesellschaft widmet – von Prozessen in Böden, Pflanzen und Wasser über Zusammenhänge auf der Feld- und Landschaftsebene bis hin zu globalen Entwicklungen wie dem Klimawandel. Ernährung ist eine zentrale Grundlage unseres Zusammenlebens. Und das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung ist ein zentraler Akteur, wenn es um die Landwirtschaft der Zukunft geht. Das zeigt das heute eröffnete Innovationszentrum für Agrarsystemtransformation eindrucksvoll: Statt im Elfenbeinturm werden in Reallaboren mit Landwirten und weiteren Agrar-Akteuren Lösungen zu Fragen der Ernährungssicherheit, Klimaveränderung und Nachhaltigkeit entwickelt – gemeinsam, konkret und praxisnah. So sieht erfolgreiche Agrarforschung aus.“
Der Beitrag Neues Innovationszentrum für Agrarsystemtransformation erschien zuerst auf Redaktionsnetzwerk Ost.