Böhlen. Der Mitteldeutsche Stoffverbund (MDSV) zählt zu den bedeutendsten integrierten Chemieclustern Deutschlands. Die geplante Stilllegung des Steamcrackers in Böhlen bis Ende 2027 ist ein tiefgreifender Strukturbruch.

Der Steamcracker wird in Böhlen von DOW betrieben. Dieser stellt große Mengen petrochemischer Basischemikalien wie Ethylen, Propylen und Aromaten bereit.

Im Rahmen des Verbundvorhabens »House of Transfer« erarbeitete das Center for Economics and Management of Technologies (CEM) des Fraunhofer IKTS in Kooperation mit dem BioEconomy e. V. und dem Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES eine Studie, die die Betroffenheit nachgelagerter Wertschöpfungsstufen durch die Stilllegung analysiert und daraus belastbare Handlungsoptionen für eine resiliente und nachhaltige Weiterentwicklung des MDSV ableitet.

Erstmals werden dabei die Stoffströme des gesamten Verbunds quantitativ und standortübergreifend abgebildet und mit technoökonomischen Modellen verknüpft. Auf dieser Grundlage werden Transformationspfade systematisch analysiert und hinsichtlich Energie-, Rohstoff- und Infrastrukturbedarfen vergleichend bewertet.

Aus der Analyse der Transformationspfade ergeben sich drei wesentliche Erkenntnisse:

  • Der Mitteldeutsche Stoffverbund kann nach der Stilllegung des Steamcrackers nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn er seine Standortvorteile gezielt nutzt. Eine vollständige Umstellung auf nachhaltige Rohstoffe bei Beibehaltung der heutigen Strukturen gilt als unrealistisch. Stattdessen braucht es neue, regionale Rohstoff- und Energiequellen, die mit der Anpassung der Produktionstechnologien einhergehen.
  • Alle untersuchten Transformationspfade erfordern massive Investitionen in Infrastruktur. Besonders für Biomasse, CO₂, Wasserstoff und erneuerbare Energien müssen neue Versorgungsnetze aufgebaut werden, die künftig entscheidend über die Wettbewerbsfähigkeit des MDSV mitbestimmen.
  • Die Zukunft der Chemie in Mitteldeutschland hängt von einem engen Verbund mit anderen Sektoren ab. Energie-, Agrar-, Forst- und Abfallwirtschaft müssen stärker mit der Chemie vernetzt werden, damit Rohstoffe und Koppelprodukte effizient genutzt und neue, integrierte Wertschöpfungsketten geschaffen werden können.

Es wird deutlich, dass die Transformation des Reviers weniger durch technologische Machbarkeit begrenzt ist als durch passende marktliche und industriepolitische Gestaltung. Die Politik kann Rahmenbedingungen setzen, Investitionsrisiken mindern und die Koordination gemeinschaftlicher Infrastrukturen ermöglichen.

Der Beitrag Rohstoffwende in der chemischen Industrie erschien zuerst auf Redaktionsnetzwerk Ost.