Berlin. Drohnen stehen in den Schlagzeilen. Doch während die Öffentlichkeit fast ausschließlich den militärischen Einsatz diskutiert, bietet die zivile Nutzung zahlreiche bisher ungenutzte Potenziale. Im Reallabor U-Space Berlin werden sie erprobt.

Von Matthias Salm

In dieser Frage ist Sachsen-Anhalt Berlin einmal voraus: Seit 2025 fliegen Drohnen des jungen  Berliner Unternehmens LabFly über Dessau-Roßlau – seit diesem Jahr sogar mit der Genehmigung ausgestattet, dort Medikamente ohne vorherige Landung bei den Empfängern abzuwerfen. „PalliDrohne“ nennt sich das Projekt, mit dem von der Apotheke am Bauhaus in Dessau-Roßlau Seniorenresidenzen und ein Hospiz mit dringend benötigten Arzneien beliefert werden.

Die Köpfe hinter Labfly sind Geschäftsführer Tim Fischer, CTO Juri Bieler und CCO Kolja Klein, allesamt Drohnen- und Flugzeugingenieure. Sie zählen zu den Pionieren der Branche. 2019 entstand ihr Unternehmen als ein Spin-off der TU Berlin. Labfly transportiert Medikamente und Laborproben und hat als erstes Unternehmen in Deutschland die behördliche Zulassung erhalten, Drohnen außerhalb der Sichtweite über bewohnte Gebiete und mittlerweile auch mit gefährlichen Gütern zu fliegen. Das verschafft Labfly bisher einen unschätzbaren Vorteil im Wettbewerb mit anderen Anbietern. Langfristig plant Labfly, per Drohne Medikamente auch beim Privatkunden zuzustellen. 

Die Drohnenflüge stellen aber selbst in eher dünn besiedelten Regionen insbesondere rechtlich eine große Herausforderung dar. Noch komplexer ist die Situation naturgemäß in einer Millionenstadt  wie Berlin. Wie sich Drohnen in der Hauptstadt in das Verkehrssystem integrieren lassen, soll das vom Berliner Senat für Wirtschaft, Energie und Betriebe geförderte Projekt U-Space Berlin ausloten helfen. Neben Labfly sind u.a. die Innovationsagentur Startup Colors, die TU Berlin und das Unternehmen Marktschwalbe, das auf die Lieferung von Lebensmitteln auf dem Land spezialisiert ist, in das Projekt eingebunden. Labfly ist dank seiner Praxiserfahrung im täglichen Drohneneinsatz einer der tragenden Partner im Reallabor. 

Seit seinem Start im Sommer 2025 steht das Projekt vor allem im Austausch mit den zahlreichen Genehmigungsbehörden in der Hauptstadt. „Berlin ist einer der komplexesten Standorte für die gewerbliche Nutzung von Drohnen“, weiß Tim Fischer und verweist als Beispiel auf die ausgedehnte Flugverbotszone im Regierungsviertel. „Wir betreten hier vielfach Neuland. Die Partner im Reallabor arbeiten eng mit den Zulassungsbehörden zusammen, um die rechtliche Grenzen in bestimmten Fragen auszuweiten. In Berlin sind so viele Stakeholder im öffentlichen Raum beteiligt, dass es für die Drohnenbetreiber allgemeinerer Genehmigungen bedarf.“

Erfahrungen auf der schwäbischen Alb

Dabei hat sich seit der Gründung von Labfly bereits einiges bewegt. Seit 2021 gilt das europäische Drohnenflugrecht. So ist es mittlerweile erlaubt, die Drohnen per Fernpiloten zu steuern. „2019 bei unserer Gründung war das noch verboten“, erzählt Fischer. Labfly nutzt diese Möglichkeiten und ist bereits seit einigen Jahren erfolgreich mit Drohnenflügen auf der Schwäbischen Alb unterwegs. Dort werden Laborproben zwischen Kliniken transportiert. „Wir fliegen sechs bis zehn Mal am Tag Laborproben auf einer Strecke von rund 20 Kilometern.“ Die Drohnen bewegen sich in der Regel in einer Höhe von 80 bis 120 Metern. Die Besonderheit: Der Drohnenpilot steuert die Einsätze von Berlin aus.

Drohnen als Glied in einer urbanen Lieferkette und Bestandteil eines integrierten Logistikkonzepts – diese Idee steht noch am Anfang. Doch die rasanten technischen und unternehmerischen Entwicklungen in der Drohnenwirtschaft schaffen neue Geschäftsmodelle. „Mittlerweile gibt es für die Idee politischen Rückenwind“, freut sich Labfly-CEO Fischer. Die Finanzierung des Reallabors U-Space Berlin durch den Senat zeigt, dass die Politik die Potenziale der Drohnenlogistik erkannt hat. 

Gerade in Ostdeutschland sieht Fischer in der Drohnenlogistik ein Konzept für die Zukunft, denn aufgrund des demographischen Faktors und der Überalterung der Gesellschaft kann die Infrastruktur in vielen Landstrichen nicht mehr in der gewohnten Qualität angeboten werden. „Mit Drohnenflügen kann in diesen Regionen ohne großen logistischen Aufwand die medizinische Versorgung aufrecht erhalten werden“, so Tim Fischer. 

Vereinfacht gesagt: Junge Menschen in Berlin erzeugen mit ihrer Arbeit einen logistischen Mehrwert in ländlichen Gebieten. Für das medizinische Personal vor Ort wiederum liegt der Nutzen auf der Hand: Sie haben mehr Zeit für die direkte Versorgung der Patienten, weil kein Personal und kein Zeitaufwand für die Logistik eingesetzt werden muss. Mit der Schließung von Kliniken in der Fläche rückt das Thema der ausreichenden medizinischen Betreuung der Bevölkerung in vielen Teilen Deutschlands ohnehin stärker in den Fokus. Allerdings sind die Kassen im Gesundheitswesen bekanntlich klamm und der Kostendruck hoch. Von der Politik wünscht sich Labfly-Chef Fischer daher, dass für die Gesundheitswirtschaft Förderprogramme auch für Innovationen in der Logistik aufgelegt werden.

Noch sind viele rechtliche Fragen offen. Als Beispiel nennt Fischer den Einsatz von Kameras an der Drohne. Der Widerspruch: Zum einen müssen die Drohnenbetreiber für ihre Kunden die Zustellung, beispielsweise den Abwurf der Medikamente, dokumentieren, zum anderen muss jedoch vermieden werden, dass Unbeteiligte in der Nachbarschaft der Abwurfstelle gefilmt werden. Deshalb gehört zu den Zielen des Reallabors U-Space Berlin auch die Aufklärung der Öffentlichkeit und der Abbau von Vorbehalten in der Bevölkerung gegenüber Drohnenflügen als Teil der städtischen Lieferkette. 

Gegenwärtig beherrscht allerdings eher der militärische Einsatz von Drohnen die Diskussion im politischen Raum. Labfly konzentriert sich aber zuvorderst auf den Gesundheitssektor. „Wir haben uns bei Labfly bewußt für rein zivile Anwendungen entschieden“, erklärt Tim Fischer. Er weiß aber, dass die Drohnensysteme von Labfly sich auch zur Sicherung der kritischen Infrastruktur einsetzen ließen. Beispielsweise könne man in Katastrophenszenarien wie etwa einer akuten Hochwasserlage Einrichtungen wie das THW bei der Versorgung der betroffenen Gebiete unterstützen.